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Sonntag, 9. August 2015

Sich mit einer Willkommenskultur positionieren

Als Christen sollten wir eine Willkommenskultur in unserem Land, bzw. Europa, nicht nur gut heißen, sondern auch aktiv fördern. Das bedeutet, praktische Möglichkeiten zu bieten, wie Flüchtlingen das Gefühl des Willkommenseins erfahrbar zu machen und Chancen der Integration zu leisten. Integration auch durch berufliche Perspektiven ist ein Muss, wie ein Video des SWR zeigt:


Quelle: http://www.swr.de/landesschau-aktuell/bw/muellheim-arbeitssuche-als-fluechtling/-/id=1622/did=15956282/nid=1622/5gqw8x/index.html

Weil jedem Menschen die Gottes Ebenbildlichkeit zugesprochen wird, soll jeder Menschen auch als solcher behandelt werden (vgl. Zehnder 2005:292). Wie man den "Fremdling" im eigenen Land behandeln soll, zeigt schon Lev. 19:
Wenn ein Fremdling bei euch wohnt in eurem Lande, den sollt ihr nicht bedrücken. Er soll bei euch wohnen wie ein Einheimischer unter euch, und du sollst ihn lieben wie dich selbst; denn ihr seid auch Fremdlinge gewesen in Ägyptenland. Ich bin der HERR, euer Gott. (Lev. 19,33-36)
Ich bin mir nicht sicher, ob wir uns vorstellen können was eine biblische "Willkommenskultur" wirklich für uns bedeutet. Das biblische Bild über den Fremdling, Armen und Unterdrückten spiegelt jedoch viel von Gottes Puls wieder. In dem es mit dem Liebesgebot und die Erinnerung an die Knechtschaft in Ägypten geknüpft ist, ist damit auch die Dinglichkeit und Opferbereitschaft dem Leser (Volk Gottes) ins Bewusstsein gerufen.


Als Volk Gottes bedeutet das der Ungerechtigkeit ("gesellschaftlichen Übel", vgl. Wink 2014:111) entgegen zu wirken, - eine Alternative auszuüben. Eine wirkliche Alternative wird jedoch eine Opferbereitschaft erfordern. Den Nächsten zu lieben, bringt hier eine Dimension ins Spiel die weit darüber hinaus geht als nur das "Nötigste" (Sprache, Arbeit, Wohnen) zu tun. Fremdlinge sollen sich "heimisch" fühlen. Hier spürt man die eigentliche Dimension von "Integration", wenn sie in diesem Kontext auch in der Verbindung zur Goldene Regel (Lk 6,31) verstanden wird, sowie dass man als Volk Gottes selbst in einem Fremden Land gelebt hat. Denn mit dem Exodus hat Israels Freiheit begonnen (vgl. Wink 2014:64).
Ich glaube, dass es sich hierbei um ein biblisches Prinzip handelt, auch wenn wir selbst nie in Ägypten gelebt oder selbst als Flüchtlinge unterwegs waren (allerdings gibt es noch eine Generation unter uns, die das kennt). Doch in der kompromisslosen Auseinandersetzung mit diesem Thema, werden wir automatisch auch mit uns selbst und den damit verbundenen (auch geistlichen) Herausforderungen konfrontiert (vgl. Wink 2014:111f). Es wird sich zeigen, ob wir als christliche Gemeinschaft eine alternative Gesellschaft leben durch die die Menschen "Gottes Freiheit" erfahren oder ob unsere Ängste uns überwältigen und lähmen werden.

Wo und wie werden wir uns positionieren?




Zehnder, Markus 2005. Umgang mit Fremden in Israel und Assyrien. In: Beiträge zur Wissenschaft vom Alten und neuen Testament. Stuttgart: Kohlhammer.

Wink, Walter 2014. Verwandlung der Mächte: Eine Theologie der Gewaltfreiheit. Regensburg: Friedrich Pustet.

Freitag, 17. Juli 2015

Gott dienen - Eine einzigartige Chance!


Du stehst in den Startlöchern und wartest nur darauf für Gott voll durchzustarten? Du suchst die passende Gelegenheit dies mal zu tun? Dann habe ich hier die optimale Möglichkeit für dich. Diene Gott doch an dem Punkt wo du gerade stehst! 
Vielleicht bist du jetzt enttäuscht. Vielleicht hast du dir was anderes vorstellt, als du den Link zu meinem Blog angeklickt und geöffnet hast. Vielleicht hast du dir jetzt ein exotisches Abenteuer, eine Herausforderung oder das "Life-experience" schlechthin versprochen. Wenn wir aber mal in uns gehen und durch die Brille der Mission Gottes diesen Gedanken betrachten, ist das aber gar nicht so weit davon entfernt. 
Wir hatten schon oft Gespräche (und die Tage erst eine Telefonat), wo unser Gegenüber der Meinung war, dass ein "geistlicher" Beruf der Ort ist um Gott wirklich zu dienen. Die Berufe, die nicht unter dem geistlichen Deckmantel laufen, sind daher weniger "dienlich"? Gibt es Berufe die also mehr dafür geeignet sind, wenn ich mich entscheide Gott zu dienen?
Damit habe ich persönlich so meine Probleme. Wir folgen, wie mein Kollege Björn jetzt sagen würde, dem einen Gott in der einen Welt - also einem Gott der überall in dieser Welt bereits präsent und am handeln ist. Wir folgen einem Gott, der sich entschieden hat im profan zu sein, an Orten an denen wir es nicht meinen. Aber über die Zeit hinweg haben wir es geschafft, dass wir anscheinend irgendwelche Momente oder Situationen brauchen, um Gott besonders zu "spüren" oder zu erleben. Und dies gilt oft auch für unsere beruflichen Entscheidungen. Wie oft habe ich gehört: "Na als Hauptamtlicher kannst du Gott ja ganz anders und intensiver dienen, als die die einen normalen Beruft haben!" Gott ist in dem "Normalen", profanen, alltäglichen, langweiligen, "unchristlichen" und all zu oft stressigen Situationen unseres Lebens. Und es ist schwer zu glauben, dass Gott mit mir an diesen Orten etwas bewegen und verändern möchte.
Lieber fahren wir auf Kurzzeiteinsätze, evangelistische Aktionen oder irgendwelche Konferenzen, wo wir für den Plan Gottes motiviert werden und applaudieren, wenn wir hören dass Gott Neues Leben in unserer Zeit schenken möchte. Aber glauben wir, dass es an den Orten geschieht wo wir Tag für Tag unser Leben verbringen? Glauben wir, dass diese Veränderung in Europa, in Deutschland in meiner Stadt dort beginnt, wo ich bewusst in der Mission Gottes und unter seiner Herrschaft lebe und agiere? Warum brauchen wir diese Kicks? Diese Highlights? Und warum fällt es uns so sehr schwer unseren Alltag zu "heiligen" ihm zu geben und zu glauben, dass dieser Alltag Gottes missionales Spielfeld ist?
Es ist nicht grundsätzlich etwas falsch an diesen Aktionen. Es darf auch Highlights in unserem Leben geben. Manchmal schenkt uns Gott diese auch, damit wir uns daran erinnern. Schwierig ist es nur, wenn sie ein Ersatz werden und ein dualistisches Verständnis verursachen. Es ist enorm wichtig zu wissen, dass Gottes Mission und die erwartete Veränderung im Hier und Jetzt stattfindet. In meinem ganz "normalen" Alltag und gewöhnlichen Leben. In meiner Nachbarschaft, meinem Beruf, meinem Engagement in Vereinen, meinem Urlaub und beim Abfeiern bei der Abifete. Es gibt kein Ort an dem Gott nicht wäre. Es gibt kein Ort, wo die Mission Gottes nicht etwas bewegen will. Es gibt kein Ort, wo mir dieses Abenteuer nicht begegnet.
Dies erinnert mich an meine Anfänge mit Jesus als ich bei den JesusFreaks war. Ob in der Diskothek, im McDonalds, in der Werkstatt in der ich gelernt habe oder beim Abhängen mit meinen Schulkollegen - wir versuchten die Wirklichkeit in der wir lebten mit Gott in Verbindung zu bringen und fragten uns: "Mal sehen was Gott heute/hier vorhat!" Nicht immer gab es eine Antwort, aber öfters die Erfahrung: Gott ist schon da und er ist am handeln.
Du suchst dieses Abenteuer? Eine Herausforderung? Du willst Gott mal so richtig dienen? Dann leg doch los - es (er) hat schon längst begonnen!

Freitag, 10. Juli 2015

Exkarnation vs. Inkarnation - Glaube mitten im Leben

Vor einiger Zeit habe ich mir das Buch von Gerhard Lohfink "Wie hat Jesus Gemeinde gewollt? Kirche im Kontrast" gekauft, indem er fragt, ob die christlichen Gemeinden wirklich Orte sind, an denen eine alternative Gesellschaftsgestalt sichtbar wird (Lohfink 2015:39). Damit fordert er die Gemeinde von heute stark heraus und verweist auf die Problematik des religiösen Individualismus. Ähnlich sprach schon Moltmann in seiner Theologie der Hoffnung von einem cultus privatus (Moltmann 1965:286). Moltmann schreibt:
Aus "Religion" wird im Laufe des 19. Jahrhunderts die Religiösität des Individuum, Privatheit, Innerlichkeit, Erbaulichkeit.  MOLTMANN 1965:286
In einer Welt die immer schnelllebiger, komplexer und herausfordernder wird, scheint sich die Lage zugespitzt zu haben. Wir sind froh, wenn uns neben allen beruflichen und privaten Terminen der Gottesdienst als Ruhepohl noch bleibt. Kontakte zu Nachbarn, Kollegen, zu dem in sein Buch vertieften Mann im Zug, den Flüchtlingen in der Stadt und anderen Menschen in unserem Umfeld sind schier unmöglich. 
Frost beschreibt in seinem Buch "Incarnate" dieses Phänomen als Exkarnation und stellt es dem biblischen Bild der Inkarnation gegenüber. Gott kommt in Jesus in diese Welt und wird Mensch (Inkarnation = Menschwerdung) und taucht in diese Kultur ein (Joh 1,14), wird Teil eines Dorfes und die Menschen kennen ihn (Mt 13,55). Er wird als Fresser und Säufer bezeichnet (Mt 11,19) und hat Gemeinschaft mit den Sündern (Mk 2,15). Exkarnation hingegen beschreibt neben der allgemein immer mehr zunehmenden Distanz des Menschen vom Anderen, den geistlichen Dualismus von Spiritualität - Welt. Frost schreibt: "Dualism is the philosophical foundation of excarnation." Spiritualität bezieht sich auf meine persönliche Beziehung zu Gott und die Welt in der wir Leben. Sie ist vergänglich, so dass eine Trennung zwischen Spiritualität und Welt entsteht. Exkarnation beschreibt die Loslösung und Entkörperung (out-of-body) des christlichen Glaubens aus der Welt in der wir leben. Dabei hat der Glaube mit der realen Welt mehr zu tun als wir glauben. Im jüdischen Denken existiert nicht solch ein Dualismus. Der Alltag wurde geheiligt und alle Dinge gehörten im jüdischen Verständnis unter die Herrschaft Gottes. Dieses jüdische Verständnis ist essenziell für unser Verständnis von Spiritualität und der Bedeutung des Volkes Gottes in dieser Welt, welches bis ins Neue Testament grundlegend ist.
(...) but we need to bear in mind the purpose for which the New Testament was written: to equip us to continue the apostolic witness that brought us into being as the church of Jesus. In that respect, devotional study is good insofar as it deepens our connection to Jesus, but it is an incomplete study of God`s Word if it does`t produce greater faithfulness and service in the real world.  FROST 2014:198
Sind unsere Gemeinden ein Ort an denen eine alternative Gesellschaftsgestalt sichtbar wird? Verstehen wir die Schrift als die Antwort Gottes, wie sich die Mission Gottes ausbreitet - sprich - wie Gott seine Geschichte weiterschreibt und für diesen Plan seine Gemeinde zurüstet, müssen wir unser Leben und unseren Glauben auch im Kontext der Mission Gottes verstehen, wodurch dieser im Hier und Jetzt erfahrbar wird und Gestalt annimmt.
Möchte ich bewusst leben, indem ich mir Zeit nehme meinem Gegenüber zu begegnen, eine Chipspackung zu essen und über Gott und die Welt zu reden? Ich denke es ist unsere Aufgabe als Gemeinde, die Nöte und den Bedarf unserer Städte zu kennen und das Leben unseres Umfeldes mitzugestalten und Räume zu schaffen in denen die Menschen eine alternative Gesellschaftsgestalt erfahren und von der Liebe Gottes hören. Die Flüchtlingsproblematik in Deutschland ist ein Beispiel, wo Gottes Volk eine alternative vorleben und so Licht und Salz im Hier und Jetzt sein kann. Anstatt zu bewahren was man hat und vor Angst der Überforderung sich der Welt zu "entziehen" (Exkarnation) sollte das Volk Gottes aktiv und in ihrem Maß Wege suchen, die Welt zu gestalten und in die Kultur einzutauchen (Inkarnation). Wir brauchen Mut und die Bereitschaft die Hoffnung an die wir glauben mitten in dieser Welt Ausdruck zu verleihen.
What ever you think you can do or believe you can do, begin it. Action has magic, grace and power in it.  FROST 2014:73



Frost, Michael 2014. Incarnate. the body of Christ in an age of disengagement. Illinois: IVP
Moltmann, Jürgen 1965. Theologie der Hoffnung. München: Kaiser.
Lohfink, Gerhard 2015. Wie hat Jesus Gemeinde gewollt? Kirche im Kontrast. Stuttgart: kbw



Dienstag, 23. Juni 2015

Flüchtlinge in Deutschland und Gemeinden die über sich hinaus wachsen

Die Zuwanderung von Flüchtlingen wird zu einem immer brisanteren Thema in Deutschland und immer mehr Menschen müssen von der Bundesrepublik in Erstaufnahmestellen untergebracht werden. Deutschland wird mit der Not der Welt konfrontiert, nicht nur über die Medien, sondern direkt in der Nachbarschaft, vor unserer Haustür.
Ich war am vergangenen Wochenende eingeladen in einer Baptistengemeinde zu predigen und ich war nach dem Gottesdienst erstaunt als ich hörte, wie viel die Gemeinde sich mit dem Flüchtlingsthema beschäftigt. Aber nicht nur theoretisch, sie sind die einzigste Kirche die sich aktiv beteiligen. Helfen, begleiten und diesen Menschen ein zuhause geben. Und dies waren nicht nur Worte. Ich konnte es an ihrem Zusammenleben spüren und erleben. Die Gemeinde in der ich mich befand, war eine integrative Gemeinde. Eine Gemeinschaft in der die Menschen erst mal dazugehören dürfen und mit der Weile Veränderung erfahren in ihrem Verhalten und in ihren Herausforderungen im Alltag. Einige von ihnen kommen zum lebendigen Glauben an Jesus. Alle sind gemeinsam auf einer Reise. Entscheidend für sie ist die gemeinsame Richtung, die Richtung die sich auf das Ziel zubewegt - Jesus.
Der Pastor der Gemeinde sagte: "Wir müssen aufhören darauf zu warten dass die Menschen zu uns kommen. Denn dies ist unsere Aufgabe. Wir müssen gehen und solche Gemeinschaften schaffen wo die Menschen erst mal ankommen dürfen."
Die Arbeit unter Flüchtlingen ist sicher einer der Bereiche der die Gemeinde in Bewegung versetzt hat. Menschen die alles verloren haben brauchen ein zuhause. Ihr eigenes Zuhause. Zu ihnen zu gehen, mit ihnen zu leben und mit ihnen eine neue Heimat aufzubauen ist Aufgabe der Gemeinde. Wir sollten zu ihnen gehen.
Viele Gemeinden in dieser Region sind mit sich selbst beschäftigt, schrumpfen, werden geschlossen oder fusionieren. Und man hat den Eindruck, dass Gemeinden die "über sich hinaus" wachsen wirklich zu einer Bewegung werden. Vielleicht zwingt uns das Thema der Flüchtlinge dazu, dass wir über uns hinaus wachsen, in Bewegung kommen und unsere ursprüngliche DNA, die in der Mission Gottes begründet liegt, wiederentdecken und vielleicht werden wir dabei sogar von uns selbst gerettet, weil wir hier hautnah erleben, dass Gemeinde in Bewegung kommen muss, wenn sie diesen Menschen begegnen will und ihre Aufgabe als Licht in der Welt wahrnehmen möchte. Wir müssen in Bewegung kommen wenn wir entdecken wollen was es bedeutet Gottes Volk in einer Welt zu sein in der die Not der Welt vor unserer Haustür wartet, aber niemand sich für die Kirche interessiert. Wir müssen von uns selbst gerettet werden, damit wir über uns hinaus wachsen!

Sonntag, 17. Mai 2015

Evangelisation und seine neue Herausforderung: Sie haben vergessen,dass sie Gott vergessen haben

Wenn wir uns im 21. Jahrhundert über das Thema Evangelisation Gedanken machen, stehen wir vor großen Herausforderungen. Eine der Herausforderungen ist sicherlich die Feststellung der "erfolgreichen" Evangelisationsveranstaltungen im zweiten drittel des 20. Jahrhunderts und der zunehmenden Frage, wie Menschen heute zum Glauben kommen (bzw. wie wir sie erreichen), wenn attraktionale Veranstaltungen nicht die Antwort sind auf die missionarischen Herausforderungen unserer Zeit.
Ich glaube, dass die Auseinandersetzung uns tiefer führt als bloße methodische Überlegungen wie wir durch konzeptionelle Programme die Menschen erreichen. Ich glaube die Beschäftigung mit diesem Thema führt uns in tiefere Bereiche der christlichen Spiritualität und kirchlicher Praxis.
Im Laufe meiner Studien bzgl. meiner Dissertation (Mth) bin ich über ein Buch gestolpert, wo es um das kulturelle Gedächtnis von frühen Hochkulturen geht. Jan Assmann verweist in seinen Vorüberlegungen auf den französischen Soziologen Maurice Halbwachs:
"Gedächtnis wächst dem Menschen erst im Prozeß seiner Sozialisation zu. Es ist zwar immer nur der Einzelne, der Gedächtnis "hat", aber dieses Gedächtnis ist kollektiv geprägt. Daher ist die Rede vom "kollektiven Gedächtnis" nicht metaphorisch zu verstehen. Zwar "haben" Kollektive kein Gedächtnis, aber sie bestimmen das Gedächtnis ihrer Glieder. Erinnerungen auch persönlicher Art entstehen nur durch Kommunikation und Interaktion im Rahmen sozialer Gruppen. Wir erinnern nicht nur, was wir von anderen erfahren, sondern auch, was andere uns erzählen und was uns von anderen als bedeutsam  bestätigt und zurückgespiegelt wird. Vor allem erleben wir bereits im Hinblick auf andere, im Kontext sozial vorgegebener Rahmen der Bedeutsamkeit. Denn "`es gibt keine Erinnerung ohne Wahrnehmung`" (1985 a, 365) (...) Wenn ein Mensch - und eine Gesellschaft - nur das zu erinnern imstande ist, was als Vergangenheit innerhalb der Bezugsrahmen einer jeweiligen Gegenwart rekonstruierbar ist, dann wird genau das vergessen, was in einer solchen Gegenwart keinen Bezugsrahmen mehr hat." (Assmann 2007:36)
Wir reden heute von einer pluralistischen Gesellschaft, unterschiedlichen sozialen Gruppen die, nach Hempelmann, in weitgehend voneinander separierten Lebenswelten existieren (Hempelmann 2012:40) und dass die Kirche nicht mehr das Monopol dieser Gesellschaft ist. Für viele Menschen bedeutet das, dass der christliche Glaube und die Kirche durch soziologische und historische Entwicklung nicht mehr zu ihren Lebensentwürfen gehört, geschweige denn ein Teil der Liste für mögliche Optionen für ihr Leben ist. Dabei gehe ich nicht von einer bewussten Ablehnung aus, sondern viel mehr von der neuen Gegebenheit, dass die Menschen vergessen haben, dass sie Gott vergessen haben, was die missionarische Herausforderung auf ein nächstes Level schiebt.
In kann mich noch gut an meine Teenagerzeit erinnern, bevor ich überhaupt irgendwie in Kontakt mit dem christlichen Glauben kam. Gott, Kirche, Gebet war zu keiner Zeit ein Thema in meinem Leben. Darunter konnte ich mir nichts vorstellen, bzw. habe ich mir auch nichts vorgestellt, weil ich schlicht und ergreifend keinen sozialen Bezugsrahmen hatte. An was hätte ich mich denn erinnern sollen?
"Das Gedächtnis lebt und erhält sich in der Kommunikation; bricht diese ab, bzw. verschwinden oder ändern sich die Bezugsrahmen der kommunizierten Wirklichkeit, ist Vergessen die Folge." (Assmann 2007:37)
Meine Geschichte liegt ca. 16 Jahre zurück. Wie steht es um die Generationen und unterschiedlichen Kulturen heute, wo die Kirche mehr und mehr eine eigenen Subkultur bildet und der christliche Glaube für die meisten Menschen unseres Landes nicht mal Ansatzweise im Gedächtnis ist?
Die Aufgabe der Kirche ist es, den christlichen Glauben und die ganze Schönheit des Evangeliums in das Leben der Menschen zu bringen. Es geht darum Bezugsrahmen zu schaffen, in denen die christliche Story neu erzählt und für die Kultur in der wir leben kommuniziert werden muss. Anstatt unsere Position am Rand der Gesellschaft zu akzeptieren und einen religiösen Individualismus (Lohfink 2015:14) zu pflegen besteht die Herausforderung nach Michael Frost darin:
"(...) to learn ways to bodily embrace this task, to physically wade into the brokenness of humankind and alert people to the universal reign of God through Christ." (Frost 2014:88) 
Lasst uns mutig sein Neues zu wagen, soziale Räume und alternative Gemeinschaften zu schaffen in denen Kommunikation und Interaktion stattfinden. Erfahrungen, Reflexionen und das Erleben des Evangeliums - gehört in den öffentlichen Raum. Lasst uns mit gestalten und uns nicht verstecken, sondern mutig daran glauben, dass Gott mit seiner Mission unserem Land wieder Leben einhauchen möchte durch Christus der uns gelehrt hat, was es bedeutet wahrer Mensch in einer zerbrochenen Welt zu sein.
Ich träume von einer Kirche die den christlichen Glauben verkörpert (inkarniert) nicht in einem Gebäude, sondern unter und mit den Menschen, anstatt ihn zu privatisieren (exkarnieren). Denken wir über die Evangelisierung unseres Landes (und darüber hinaus Europa) nach, müssen wir beginnen den Menschen wieder einen Bezugsrahmen zu schaffen der es ermöglicht die christliche Story zu pflanzen.
Ich bin meinem Jugendreferenten von vor 16 Jahren sowie allen Teilnehmern der damaligen Zeit dankbar, dass ich eine solche alternative Gemeinschaft erleben konnte, wo ich einen Bezugsrahmen hatte in dem ich die Schönheit des Evangeliums erlebte und die ganze Sache mit Bibel, Kirche und Gott dann doch irgendwann Sinn für mein Leben machte.

(...) dem Gott, der allein weise ist, sei Ehre durch Jesus Christus in Ewigkeit! Amen. (Römer 16,27)


"(...) teach the world a new way to be human." (Frost 2014:62)



Quellen: Assman, Jan 2007. Das kulturelle Gedächtnis. Schrift, Erinnerung und politische Identität in frühen Hochkulturen. Mücken: C.H. Beck.

Hempelmann, Heinzpeter 2012. Gott im Milieu. Gießen: Brunnen.

Lohfink, Gerhand 2015. Wie hat Jesus Gemeinde gewollt? Kirche im Kontrast. Stuttgart: kbw.

Samstag, 14. März 2015

Missionale Praktiken kultivieren

Die Auswahl der Geräte, der richtigen Abläufe und Handgriffe müssen bei einem Feuerwehreinsatz exakt passen. Damit das in einem echten Einsatz auch wirklich funktioniert, gibt es in der freiwilligen Feuerwehr regelmäßige Übungsabende und zum Teil auch nachgestellte Einsätze. Letzten Donnerstag haben wir (ich bin Teil der freiwilligen Feuerwehr unseres Dorfes) eine Übung gemacht, in der es darum ging die Grundschule zu löschen. Ich bin noch nicht so lange dabei und bin auch gerade erst in meiner Grundausbildung, aber es ist wichtig Teil dieser Übungen zu sein und zu lernen zur richtigen Zeit das richtige zu tun. Das ist gar nicht so einfach. Es ist wichtig, dass der Angriffs-, Wasser-, und Schlauchtrupp genau weis, was er bei einem richtigen Einsatz machen muss. Daher reicht es nicht das richtige in der Theorie gelernt zu haben, sondern das Gelernte im Einsatz abrufen zu können. Mehr noch: Es muss automatisch funktionieren. Jede Handlung muss in Fleisch und Blut übergehen.

Ich erinnerte mich an das Buch von N.T. Wright (Glaube und dann...? Von der Transformation des Charakters), in dem er die biblische Vorstellung beschreibt, dass christliche Praktiken zu einer Art zweiten Natur im Leben eines Gläubigen werden. Auch hier geht es nicht darum, bloß zu wissen was in der Bibel steht, oder die richtigen Formeln zur richtigen Zeit sagen zu können. Es geht um die Transformation des Charakters, des Lebensstils und darum was es bedeutet wahrer Mensch zu sein. Wenn Jesus in die Nachfolge ruft, geht es um das Verlernen von alten Gewohnheiten und das Erlernen von neuen Gewohnheiten (vgl. Eph 4,22), wie sie Jesus uns gelehrt hat.
In der Feuerwehr gibt es erfahrene Kammeraden, die schon länger in der Feuerwehr sind und die Handgriffe und Handlungen besser kennen und praktizieren als ich. Ich orientiere mich an ihnen und lernen von ihnen. Neben der Grundausbildung gibt es regelmäßige Übungs- und Schulungsabende und die Kameradschaft wird durch Gemeinschaftsabende gefördert. Denn die Kameradschaft ist wichtig für ein Team, dass im Ernstfall füreinander da sein muss.

Junge Christen brauchen diese Vorbilder und Plattformen, wo sie erleben können was es bedeutet Jesus nachzufolgen. Sie brauchen Vorbilder (2.Tim 1,13) die ihnen erklären und zeigen wie sie in dieser Welt einen Unterschied machen können. Wir brauchen neue Formate, Plattformen und den Mut dies alles über den Sonntagsgottesdienst hinaus gezielt zu fördern. Wir müssen lernen missionale Praktiken und das Evangelium, wie eine Art zweite Natur, in dieser Welt zu leben und zu verkündigen. Dort wo wir leben, arbeiten, spielen und uns engagieren.

Mittwoch, 18. Februar 2015

Nehemia 5 für christliche Leiter

Vor einiger Zeit habe ich angefangen das Buch Nehemia zu lesen. Seit dem beschäftigt mich diese sehr inspirierende und starke Erzählung des Alten Testaments. Nehemia leidet unter der Tatsache, dass die Stadtmauer Jerusalems noch nicht wiedererrichtet wurde (Neh. 1,4) und er macht es sich zur Aufgabe mit dem Volk die Mauer wieder aufzubauen (2,17).
Christliche Leiter engagieren sich darin das Reich Gottes in den unterschiedlichsten Bereichen zu bauen. Ob in der Gemeinde oder in anderen Organisationen. Es ist ihr Anliegen, dass der christliche Glaube Gestalt bekommt und Einfluss in unsere Kultur gewinnt, besonders in Zeiten wo die Kirche nicht mehr das zu sein scheint was sie mal war. Es ist ermutigend zu sehen, dass es Leiter gibt die dies erkennen und mit Herzblut sich in Gemeinden und Organisationen engagieren. Leiterschaft hat daher eine wichtige Funktion, in der man aber auch ganz schnell in eine Schieflage geraten kann. Daher können wir viel von dem Vorbild Nehemias lernen.

Das Geschrei der Menschen über die Ungerechtigkeit
Der Schwerpunkt dieses Posts ist das Kapitel 5 der vorliegenden Erzählung. Es berichtet davon, dass sich innerhalb des jüdischen Volkes "Ungerechtigkeit" breit gemacht hat. Einige der jüdischen Bürger mussten ihre Kinder an andere verpfänden, um Nahrung kaufen zu können (5,2), andere mussten Geld aufnehmen um ihre Steuern für den König zahlen zu können (5,4) und ihnen waren die Hände gebunden: "(...) und wir können nichts dagegen tun (...)" (5,5). Auffällig ist in Vers 6 die Formulierung "Als ich aber ihr Schreien (...) hörte". Die Ähnlichkeit zu Ex 3,7 ist gegeben: "Ich habe das Elend meines Volkes (...) und ihr Geschrei gehört". An beiden stellen befindet sich das selbe hebräische Wort (אֶת־זַֽעֲקָתָ֔ם).  Beide Texte berichten von ungerechten Zuständen in ihrer Situationen so dass im Leser die Erwartung für eine Wendung geweckt wird. Walter Brueggemann schreibt:
"The grieving of Israel (...) is the beginning of criticism."  BRUEGGEMANN 2001:12
So auch hier in diesem Text. Das Schreien der jüdischen Bürger ruft die Erwartung eines Wandels im Leser hervor und bestimmt den weiteren Verlauf des Textes, der darauf nun eine Antwort zu geben versucht.

Frage: Nehmen wir als Leiter die Ungerechtigkeit (auch in unseren eigenen Gemeinden und Organisationen) wahr?

Nehemia geht in sich
Leiter haben ihre eigene Geschichte und Prägung. Leiter sollten nicht nach eigenem Ermessen Entscheidungen fällen, sondern sie nach dem Willen Gottes treffen. Nehemia ist ein Vorbild, weil er gründlich bei sich selbst über die Situation nachdachte (5,7. "Und ich hielt Rat mit mir selbst"). Das Herz ist in der Bibel der Sitz von Zuneigung und Leidenschaft, Weisheit und Verstand. So wird von Salomo berichtet, dass er "(...) ein weises und verständiges Herz (...)" bekam. Der Psalmist betet: "Prüfe mich, HERR, und erprobe mich, erforsche meine Nieren und mein Herz." (Ps 26,2; vgl 86,11) Das Herz ist der Sitz weiser Entscheidungen, die nicht nach menschlichen subjektiven Meinungen getroffen werden, sondern aus einer tiefen Gottesbeziehung und Gottesfurcht (vgl. Neh 5,15) heraus entstehen. Der daraus folgende Satz bringt für den Leser die Entscheidende Wendung. Nehemia setzt sich für die Gerechtigkeit ein und stellt die "Vornehmen" und "Ratsherren" zur Rede.

Frage: Wir brauchen als Leiter das Bewusstsein, bei Herausforderungen in uns zu gehen um weise Entscheidungen zu treffen. Haben wir den Mut den Willen Gottes zu tun, wenn wir fühlen es ist das Richtige?

Nehemia`s Kontrastmodell: Ein alternativer Führungsstil
Der für mich erstaunlichste Teil dieser Erzählung ist, wie Nehemia selbst seine Statthalterschaft lebt. In V.14 steht, dass er auf seine Einkünfte als Statthalter verzichtete und zwar nicht nur aus Solidarität. Er demonstrierte, aus der Furcht Gottes heraus, eine Alternative zu dem, was das Volk zuvor unter den anderen Statthaltern erlebt hatte (V.15):
"Denn die früheren Statthalter, die vor mir gewesen waren, hatten das Volk belastet und hatten für Brot und Wein täglich vierzig Silberstücke von ihnen genommen; auch ihre Leute waren gewalttätig mit dem Volk umgegangen."
Weiter lesen wir von Nehemia, dass er selbst an der Mauer mitarbeitete ohne die Einkünfte eines Statthalters zu verlangen, denn "(...) der Dienst lag schon schwer genug auf dem Volk." (V.18)
Ein Leiter leitet nicht um seiner selbst willen, sondern zum Wohl des Volkes und zur Ehre Gottes. Bei Leiterschaft geht es nicht um Macht, Reichtum oder eigener Ehre. Bei Leiterschaft geht es um Dienst, Nächstenliebe, Opferbereitschaft und der Entäußerung seiner selbst (vgl. Phil 2). Jesus sagt:
"Ihr aber nicht so! Sondern der Größte unter euch soll sein wie der Jüngste, und der Vornehmste wie ein Diener." (Lukas 22,25)
Leiter fragen nicht danach, was ihnen dient oder was ihnen zusteht (dies gilt auf für materielle und finanzielle Belange)! Leiter suchen und fragen nach den Situationen in denen sie Diener sein können, zum Wohl derer denen sie vorstehen und zum Bau des Reiches Gottes.

Frage: Denke über Bereiche deines Lebens nach. Für welche Bereiche deines Lebens ist das Beispiel Nehemias eine Herausforderung?

Transformation ohne Gegenmodell???
Missstände gab es immer wieder in der Geschichte und beim Volk Israel selbst. Die Erzählung beschreibt, wie Missstände im Volk Israel kritisiert und verändert werden. In dieser Erzählung sind biblische Parallelen erkennbar, u.a. zur Exoduserzählung. Nach dem Exodus schafft Gott neue Ordnungen für sein Volk und ruft es als eine alternative Gemeinschaft (Kontrastgesellschaft) zusammen (wo keine Ausbeutung, Ungerechtigkeit und Unterdrückung herrschen soll) und erinnert sie daran, dass sie anders leben sollen als die umliegenden Mächte: "Ihr sollt nicht tun nach der Weise des Landes Ägypten." (Lev 18,3).
In einer Welt, wo Hierarchie, Macht und Materialismus vorherrschend sind und dies meist auf Kosten anderer (meistens Schwächere) geht, sind christliche Leiter dazu aufgerufen anders zu leben,- anders zu leiten. Es ist ein sich absagen von Macht, Positionen, Ruhm und extremen Materialismus. Wer von Jesus gerufen wurde: "Komm, folge mir nach!" ist aufgerufen von Jesus zu lernen, der uns ein Beispiel gab Leiterschaft in dieser Welt neu zu buchstabieren um auf diese Weise durch ein alternatives Leiterschaftsmodell unser Umfeld zu verändern (transformieren).

Doch eventuell wird es uns was kosten. Was? Das musst du selbst entscheiden ;-)




Brueggemann, Walter 2001. The Prophetic Imagination. Minneapolis: Fortress.