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Mittwoch, 12. August 2015

Wohin in der Pentateuchforschung?

Wie lesen wir die Texte des Alten Testaments? Mit welcher exegetischen Prämisse gehen wir an den Text heran? In den theologischen Fakultäten und Universitäten ist die historisch-kritische Methode seit langem wissenschaftlicher Standard. Besonders in der Pentateuchforschung ist u.a. durch J. Wellhausen, H. Gunkel, A. Alt und vielen anderen Theologen die Entstehungsgeschichte des Alten Testaments und die Religionsgeschichte Israels zur wesentlichen Disziplin geworden. Man beschäftigt sich mit der Herkunft der Texte, sowie ihrem "Sitz im Leben" in der Geschichte und Kultur Israels. Man versucht die einzelnen voneinander getrennten Textabschnitte zu identifizieren und den Quellen zuzuordnen. Aber in wie weit hat diese Methode für das Verständnis des Alten Testaments beigetragen? Hat diese Forschungsmethode für die Laien und deren Praxis die Texte relevant machen können? Thomas Römer schreibt in seinem Artikel Zwischen Urkunden, Fragmenten und Ergänzungen: Zum Stand der Pentateuchforschung (Erschienen in der ZAW 125 (2013): 2-24): "Hingegen ist der aktuelle Stand der Pentateuchforschung für Laien nur sehr schwierig und bedingt verständlich zu machen." (Römer 2013:3). 



Keine Frage, viele Erkenntnisse sind aus diesen Forschungen hervorgegangen, aber zurecht betont E. Zenger, dass der Graben zwischen wissenschaftlicher Arbeit der Theologischen Fakultäten und der Praxis überwunden werden muss. Denn das Auslegen der Biblischen Texte ist in andere Fachbereich der Theologie ausgewandert (Zenger 1982:355). Ohne weiter auf die Geschichte der Pentateuchforschung einzugehen, ihren Anfang, ihre Entwicklung, die verschiedenen Hypothesen (Urkunden-, Fragmenten- und Ergänzungshypothese) und unterschiedliche Ansätze in Bezug auf die Verteilung des Stoffen auf die Quellen darzustellen, soll vielmehr auf die heutige Herausforderung verwiesen sein. Thomas Römer schriebt: 
Es entsteht schnell der Eindruck eines wissenschaftlichen Chaos, in welchem unterschiedliche Prämissen, Methoden und literargeschichtliche Rekonstruktionen aufeinanderprallen, sodass die Frage nach einem neuen Konsens weiterhin negativ beantwortet werden muss.  RÖMER 2013:3
Es ist nicht verwunderlich, dass "kritische" Forscher die Theorie von J. Wellhausen verlassen und in Bezug auf die Textinterpretation völlig andere Wege gehen (Zenger 1982:254). Anstatt einen analytischen Ansatz anzuwenden ist in der Literaturwissenschaft mehr ein holistischer Ansatz zur Grundlage gemacht worden. J. Pedersen hat versucht darauf hinzuweisen, dass die hebräische Art und Weise "Geschichte zu Erzählen" ("Telling Stories") eine andere ist wie die unsere und deshalb in der Erforschung der Texte berücksichtigt werden muss. Mit R. Rendtorff, B. Childs, R. Alter und G. Fischer wurden seit den 70 `er Jahren der Fokus auf die vorliegende  Endgestalt gelegt. Der Text wie er uns vorliegt, wird als Ausgangspunkt der Textinterpretation gemacht (1938 hat G. von Rad darauf hingewiesen, dass bis dato die `Letztgestalt` nicht zum Ausgangspunkt gemacht wurde). Shimon Bar- Efrat hat auf die Besonderheiten von Erzählungen hingewiesen und dies in seinem philologisch-narratologischen Kommentar konsequent auf das Samuelbuch angewandt. Es gibt viele Beispiele von exegetischen Kommentaren, die auf dem literaturwissenschaftlichen Paradigma versuchen die Texte auszulegen und für die heutige Gegenwart anzuwenden. So versucht z.B. Utzschneider und Oswald in ihrem Kommentar zu Exodus 1-15 die Verbindung zwischen einer diachronen und synchronen Exegese herzustellen. G. Fischer und D. Markle gehen in ihrem Kommentar ebenfalls von dem Endtext aus. Zudem gibt es weitere Studien die sich mit dem Aufbau der Texte und ihrer Struktur auseinandersetzen. So sind konzentrische Strukturen (wie u.a. im Buch Ruth und Esther) ein wichtiger Hinweis auf die Intension des vorliegenden Buches. Anstatt also biblische Texte in kleinste Abschnitte zu zerteilen wird neuerdings wieder auf die vorliegende Gestalt verwiesen. Wenn wir ehrlich sind, hat die bisherige Erforschung des Pentateuchs keine wirklich zufrieden stellenden Antworten gefunden. Es scheint so als würde eine Theorie die andere jagen und mit immer wieder neuen Thesen versucht die Jagt aufrechtzuerhalten.

Ich denke, dass die Literaturwissenschaft (u.a. synchrone Lesart, philologisch-narratologische und kanonische Studien) ein wichtiger Schritt ist, um einen Ausweg aus dem wissenschaftlichen Chaos zu finden und um die Texte des Pentateuchs in Beziehung zur gegenwärtigen Realität zu setzen. 



Quellen (u.a.):

Zenger, Erich 1982. Auf der Suche nach einem Weg aus der Pentateuchkrise. In: Theologische Revue (78). Münster: Aschendorfsche.
Römer, Thomas 2013. Zwischen Urkunden, Fragmenten und Ergänzungen: Zum Stand der Pentateuchforschung. In: ZAW (125). 
Houtman, Cees 1994. Der Pentateuch: Die Geschichte seiner Erforschung neben einer Auswertung. Kampen: Pharos.
Pedersen, Johs. [1926] 1959. Israel: Its Life and Culture I-II. London: Oxford University. 
Pedersen, Johs. [1940] 1959. Israel: Its Life and Culture III-IV. London: Oxford University. 

Dienstag, 11. August 2015

Was können wir von der Befreiungstheologie lernen?


Im Gegensatz zu Synonymen wie "Erlösung", die von einer einseitigen spiritualistischen Auslegungsgeschichte belastet sind, ist der Begriff "Befreiung" heute eher dazu geeignet, die konkrete geschichtliche und gesellschaftliche Relevanz der biblischen Heilverheißungen zum Ausdruck zu bringen, ohne sie freilich auf rein innerweltliche Utopien einzuebnen.    KERN 2013:48f   

B. Kern weißt darauf hin, dass es im Ganzen nicht nur um eine intime Wirklichkeit, eine spirituelle Erlösung, geht. Die spirituelle Erlösung, die Vergebung der Sünden durch Jesus Christus und die neue Freiheit in der Wirklichkeit Gottes zu leben ist elementar im christlichen Glauben. Aber es währe fatal hier stehen zu bleiben. Einen cultus privatus prangerte J. Moltmann schon an und neuerdings G. Lohfink indem er kritisch den religiösen Individualismus in seinem Buch darstellt. Das Evangelium hat ebenso die Dimension konkrete Gestalt und Veränderung in unserer Gesellschaft zu bewirken, bzw. es geschieht durch die Mission Gottes. Die Frage ist, ob wir als Christen an diesem Geschehen teilhaben oder am Zeitgeist orientiert diese Kraft des Evangeliums nicht beachten.
Die Theologie der Befreiung (...) hat diese Dimension wiederentdeckt, weil sie sich von der Wirklichkeit berühren ließ.  KERN 2013:52
Die Theologie der Befreiung erwartet konkrete Veränderung im Hier und jetzt, besonders für die Unterdrückten und Armen. Nicht nur aus Mitleid, sondern aus der biblischen Überzeugung (vgl. Ex 2f; Neh 5,6; Jer 5,28; 22,16; Am 8,4)   heraus, dass Gott sich besonders den Armen annimmt und das imperiale System radikal kritisiert (diese Kritik kann in verbaler Form geschehen, sowie in der Gestalt der biblischen Texte und ihrer entsprechenden Erzählform (siehe u.a.  Shimon Bar-Efrat; Walter Brüggemann). Hier kommt aber noch eine wichtige Komponente hinzu. Es geht darum die Menschen zu verstehen, denn dies geschieht nach A. Pieris dadurch, wenn der Ort der Armen der bevorzugte Lernort ist (...)
(...) only the oppressed know and speak the language of liberation (...)      WROGEMANN 2013:292
Viele Ansichten von A. Pieris haben für mich deutliche Grenzen. Aber hier ist ein wichtiger Aspekt angesprochen. Weil das Evangelium auch unsere gesellschaftlichen Strukturen und Systeme kritisiert und verändern möchte, ist eine Solidarität mit den Armen mehr als nur Mitleid. Wer solidarisch für die Armen ist, ist herausgefordert seine Spiritualität und Lebenspraxis in diesem Horizont zu betrachten. Nicht nur das, sondern darüber hinaus bedeutet es als Christen das gegenwärtige System kritisch fragend zu betrachten und zugleich solidarisch mit den Armen und Benachteiligten ein Gegenmodell entgegenzustellen. In dem Sinne ist eine Solidarität mit den Armen mehr als nur Mitleid, sondern es ist Inkarnation.

Ich glaube, dass die Theologie der Befreiung wichtig Aspekte liefert die uns als christliche Gemeinden im wohlhabenden Europa helfen unsere Identität in unserem Kontext zu begreifen. Das hilft uns weiter zu verstehen, dass das was wir jetzt an Wohlstand noch erfahren nicht die Normalität ist. Zugleich kann die Befreiungstheologie in diesem Sinne, auch kein Wohlstandsevangelium befürworten, sondern fordert im Gegenteil die Solidarität mit den Armen und Benachteiligten. Alles andere ist das Produkt eines von der Moderne her geprägten Individualismus. Es gilt die Schere zwischen Arm und Reich zu beheben.



Quelle:

Kern, Bruno 2013. Theologie der Befreiung. Tübingen: A. Francke.

Wrogemann, Henning 2013. Missionstheologie der Gegenwart. Globale Entwicklungen, kontextuelle Profile und ökumenische Herausforderungen. Bd. 2. Gütersloh: Gütersloher.

Sonntag, 9. August 2015

Sich mit einer Willkommenskultur positionieren

Als Christen sollten wir eine Willkommenskultur in unserem Land, bzw. Europa, nicht nur gut heißen, sondern auch aktiv fördern. Das bedeutet, praktische Möglichkeiten zu bieten, wie Flüchtlingen das Gefühl des Willkommenseins erfahrbar zu machen und Chancen der Integration zu leisten. Integration auch durch berufliche Perspektiven ist ein Muss, wie ein Video des SWR zeigt:


Quelle: http://www.swr.de/landesschau-aktuell/bw/muellheim-arbeitssuche-als-fluechtling/-/id=1622/did=15956282/nid=1622/5gqw8x/index.html

Weil jedem Menschen die Gottes Ebenbildlichkeit zugesprochen wird, soll jeder Menschen auch als solcher behandelt werden (vgl. Zehnder 2005:292). Wie man den "Fremdling" im eigenen Land behandeln soll, zeigt schon Lev. 19:
Wenn ein Fremdling bei euch wohnt in eurem Lande, den sollt ihr nicht bedrücken. Er soll bei euch wohnen wie ein Einheimischer unter euch, und du sollst ihn lieben wie dich selbst; denn ihr seid auch Fremdlinge gewesen in Ägyptenland. Ich bin der HERR, euer Gott. (Lev. 19,33-36)
Ich bin mir nicht sicher, ob wir uns vorstellen können was eine biblische "Willkommenskultur" wirklich für uns bedeutet. Das biblische Bild über den Fremdling, Armen und Unterdrückten spiegelt jedoch viel von Gottes Puls wieder. In dem es mit dem Liebesgebot und die Erinnerung an die Knechtschaft in Ägypten geknüpft ist, ist damit auch die Dinglichkeit und Opferbereitschaft dem Leser (Volk Gottes) ins Bewusstsein gerufen.


Als Volk Gottes bedeutet das der Ungerechtigkeit ("gesellschaftlichen Übel", vgl. Wink 2014:111) entgegen zu wirken, - eine Alternative auszuüben. Eine wirkliche Alternative wird jedoch eine Opferbereitschaft erfordern. Den Nächsten zu lieben, bringt hier eine Dimension ins Spiel die weit darüber hinaus geht als nur das "Nötigste" (Sprache, Arbeit, Wohnen) zu tun. Fremdlinge sollen sich "heimisch" fühlen. Hier spürt man die eigentliche Dimension von "Integration", wenn sie in diesem Kontext auch in der Verbindung zur Goldene Regel (Lk 6,31) verstanden wird, sowie dass man als Volk Gottes selbst in einem Fremden Land gelebt hat. Denn mit dem Exodus hat Israels Freiheit begonnen (vgl. Wink 2014:64).
Ich glaube, dass es sich hierbei um ein biblisches Prinzip handelt, auch wenn wir selbst nie in Ägypten gelebt oder selbst als Flüchtlinge unterwegs waren (allerdings gibt es noch eine Generation unter uns, die das kennt). Doch in der kompromisslosen Auseinandersetzung mit diesem Thema, werden wir automatisch auch mit uns selbst und den damit verbundenen (auch geistlichen) Herausforderungen konfrontiert (vgl. Wink 2014:111f). Es wird sich zeigen, ob wir als christliche Gemeinschaft eine alternative Gesellschaft leben durch die die Menschen "Gottes Freiheit" erfahren oder ob unsere Ängste uns überwältigen und lähmen werden.

Wo und wie werden wir uns positionieren?




Zehnder, Markus 2005. Umgang mit Fremden in Israel und Assyrien. In: Beiträge zur Wissenschaft vom Alten und neuen Testament. Stuttgart: Kohlhammer.

Wink, Walter 2014. Verwandlung der Mächte: Eine Theologie der Gewaltfreiheit. Regensburg: Friedrich Pustet.

Freitag, 17. Juli 2015

Gott dienen - Eine einzigartige Chance!


Du stehst in den Startlöchern und wartest nur darauf für Gott voll durchzustarten? Du suchst die passende Gelegenheit dies mal zu tun? Dann habe ich hier die optimale Möglichkeit für dich. Diene Gott doch an dem Punkt wo du gerade stehst! 
Vielleicht bist du jetzt enttäuscht. Vielleicht hast du dir was anderes vorstellt, als du den Link zu meinem Blog angeklickt und geöffnet hast. Vielleicht hast du dir jetzt ein exotisches Abenteuer, eine Herausforderung oder das "Life-experience" schlechthin versprochen. Wenn wir aber mal in uns gehen und durch die Brille der Mission Gottes diesen Gedanken betrachten, ist das aber gar nicht so weit davon entfernt. 
Wir hatten schon oft Gespräche (und die Tage erst eine Telefonat), wo unser Gegenüber der Meinung war, dass ein "geistlicher" Beruf der Ort ist um Gott wirklich zu dienen. Die Berufe, die nicht unter dem geistlichen Deckmantel laufen, sind daher weniger "dienlich"? Gibt es Berufe die also mehr dafür geeignet sind, wenn ich mich entscheide Gott zu dienen?
Damit habe ich persönlich so meine Probleme. Wir folgen, wie mein Kollege Björn jetzt sagen würde, dem einen Gott in der einen Welt - also einem Gott der überall in dieser Welt bereits präsent und am handeln ist. Wir folgen einem Gott, der sich entschieden hat im profan zu sein, an Orten an denen wir es nicht meinen. Aber über die Zeit hinweg haben wir es geschafft, dass wir anscheinend irgendwelche Momente oder Situationen brauchen, um Gott besonders zu "spüren" oder zu erleben. Und dies gilt oft auch für unsere beruflichen Entscheidungen. Wie oft habe ich gehört: "Na als Hauptamtlicher kannst du Gott ja ganz anders und intensiver dienen, als die die einen normalen Beruft haben!" Gott ist in dem "Normalen", profanen, alltäglichen, langweiligen, "unchristlichen" und all zu oft stressigen Situationen unseres Lebens. Und es ist schwer zu glauben, dass Gott mit mir an diesen Orten etwas bewegen und verändern möchte.
Lieber fahren wir auf Kurzzeiteinsätze, evangelistische Aktionen oder irgendwelche Konferenzen, wo wir für den Plan Gottes motiviert werden und applaudieren, wenn wir hören dass Gott Neues Leben in unserer Zeit schenken möchte. Aber glauben wir, dass es an den Orten geschieht wo wir Tag für Tag unser Leben verbringen? Glauben wir, dass diese Veränderung in Europa, in Deutschland in meiner Stadt dort beginnt, wo ich bewusst in der Mission Gottes und unter seiner Herrschaft lebe und agiere? Warum brauchen wir diese Kicks? Diese Highlights? Und warum fällt es uns so sehr schwer unseren Alltag zu "heiligen" ihm zu geben und zu glauben, dass dieser Alltag Gottes missionales Spielfeld ist?
Es ist nicht grundsätzlich etwas falsch an diesen Aktionen. Es darf auch Highlights in unserem Leben geben. Manchmal schenkt uns Gott diese auch, damit wir uns daran erinnern. Schwierig ist es nur, wenn sie ein Ersatz werden und ein dualistisches Verständnis verursachen. Es ist enorm wichtig zu wissen, dass Gottes Mission und die erwartete Veränderung im Hier und Jetzt stattfindet. In meinem ganz "normalen" Alltag und gewöhnlichen Leben. In meiner Nachbarschaft, meinem Beruf, meinem Engagement in Vereinen, meinem Urlaub und beim Abfeiern bei der Abifete. Es gibt kein Ort an dem Gott nicht wäre. Es gibt kein Ort, wo die Mission Gottes nicht etwas bewegen will. Es gibt kein Ort, wo mir dieses Abenteuer nicht begegnet.
Dies erinnert mich an meine Anfänge mit Jesus als ich bei den JesusFreaks war. Ob in der Diskothek, im McDonalds, in der Werkstatt in der ich gelernt habe oder beim Abhängen mit meinen Schulkollegen - wir versuchten die Wirklichkeit in der wir lebten mit Gott in Verbindung zu bringen und fragten uns: "Mal sehen was Gott heute/hier vorhat!" Nicht immer gab es eine Antwort, aber öfters die Erfahrung: Gott ist schon da und er ist am handeln.
Du suchst dieses Abenteuer? Eine Herausforderung? Du willst Gott mal so richtig dienen? Dann leg doch los - es (er) hat schon längst begonnen!

Freitag, 10. Juli 2015

Exkarnation vs. Inkarnation - Glaube mitten im Leben

Vor einiger Zeit habe ich mir das Buch von Gerhard Lohfink "Wie hat Jesus Gemeinde gewollt? Kirche im Kontrast" gekauft, indem er fragt, ob die christlichen Gemeinden wirklich Orte sind, an denen eine alternative Gesellschaftsgestalt sichtbar wird (Lohfink 2015:39). Damit fordert er die Gemeinde von heute stark heraus und verweist auf die Problematik des religiösen Individualismus. Ähnlich sprach schon Moltmann in seiner Theologie der Hoffnung von einem cultus privatus (Moltmann 1965:286). Moltmann schreibt:
Aus "Religion" wird im Laufe des 19. Jahrhunderts die Religiösität des Individuum, Privatheit, Innerlichkeit, Erbaulichkeit.  MOLTMANN 1965:286
In einer Welt die immer schnelllebiger, komplexer und herausfordernder wird, scheint sich die Lage zugespitzt zu haben. Wir sind froh, wenn uns neben allen beruflichen und privaten Terminen der Gottesdienst als Ruhepohl noch bleibt. Kontakte zu Nachbarn, Kollegen, zu dem in sein Buch vertieften Mann im Zug, den Flüchtlingen in der Stadt und anderen Menschen in unserem Umfeld sind schier unmöglich. 
Frost beschreibt in seinem Buch "Incarnate" dieses Phänomen als Exkarnation und stellt es dem biblischen Bild der Inkarnation gegenüber. Gott kommt in Jesus in diese Welt und wird Mensch (Inkarnation = Menschwerdung) und taucht in diese Kultur ein (Joh 1,14), wird Teil eines Dorfes und die Menschen kennen ihn (Mt 13,55). Er wird als Fresser und Säufer bezeichnet (Mt 11,19) und hat Gemeinschaft mit den Sündern (Mk 2,15). Exkarnation hingegen beschreibt neben der allgemein immer mehr zunehmenden Distanz des Menschen vom Anderen, den geistlichen Dualismus von Spiritualität - Welt. Frost schreibt: "Dualism is the philosophical foundation of excarnation." Spiritualität bezieht sich auf meine persönliche Beziehung zu Gott und die Welt in der wir Leben. Sie ist vergänglich, so dass eine Trennung zwischen Spiritualität und Welt entsteht. Exkarnation beschreibt die Loslösung und Entkörperung (out-of-body) des christlichen Glaubens aus der Welt in der wir leben. Dabei hat der Glaube mit der realen Welt mehr zu tun als wir glauben. Im jüdischen Denken existiert nicht solch ein Dualismus. Der Alltag wurde geheiligt und alle Dinge gehörten im jüdischen Verständnis unter die Herrschaft Gottes. Dieses jüdische Verständnis ist essenziell für unser Verständnis von Spiritualität und der Bedeutung des Volkes Gottes in dieser Welt, welches bis ins Neue Testament grundlegend ist.
(...) but we need to bear in mind the purpose for which the New Testament was written: to equip us to continue the apostolic witness that brought us into being as the church of Jesus. In that respect, devotional study is good insofar as it deepens our connection to Jesus, but it is an incomplete study of God`s Word if it does`t produce greater faithfulness and service in the real world.  FROST 2014:198
Sind unsere Gemeinden ein Ort an denen eine alternative Gesellschaftsgestalt sichtbar wird? Verstehen wir die Schrift als die Antwort Gottes, wie sich die Mission Gottes ausbreitet - sprich - wie Gott seine Geschichte weiterschreibt und für diesen Plan seine Gemeinde zurüstet, müssen wir unser Leben und unseren Glauben auch im Kontext der Mission Gottes verstehen, wodurch dieser im Hier und Jetzt erfahrbar wird und Gestalt annimmt.
Möchte ich bewusst leben, indem ich mir Zeit nehme meinem Gegenüber zu begegnen, eine Chipspackung zu essen und über Gott und die Welt zu reden? Ich denke es ist unsere Aufgabe als Gemeinde, die Nöte und den Bedarf unserer Städte zu kennen und das Leben unseres Umfeldes mitzugestalten und Räume zu schaffen in denen die Menschen eine alternative Gesellschaftsgestalt erfahren und von der Liebe Gottes hören. Die Flüchtlingsproblematik in Deutschland ist ein Beispiel, wo Gottes Volk eine alternative vorleben und so Licht und Salz im Hier und Jetzt sein kann. Anstatt zu bewahren was man hat und vor Angst der Überforderung sich der Welt zu "entziehen" (Exkarnation) sollte das Volk Gottes aktiv und in ihrem Maß Wege suchen, die Welt zu gestalten und in die Kultur einzutauchen (Inkarnation). Wir brauchen Mut und die Bereitschaft die Hoffnung an die wir glauben mitten in dieser Welt Ausdruck zu verleihen.
What ever you think you can do or believe you can do, begin it. Action has magic, grace and power in it.  FROST 2014:73



Frost, Michael 2014. Incarnate. the body of Christ in an age of disengagement. Illinois: IVP
Moltmann, Jürgen 1965. Theologie der Hoffnung. München: Kaiser.
Lohfink, Gerhard 2015. Wie hat Jesus Gemeinde gewollt? Kirche im Kontrast. Stuttgart: kbw



Dienstag, 23. Juni 2015

Flüchtlinge in Deutschland und Gemeinden die über sich hinaus wachsen

Die Zuwanderung von Flüchtlingen wird zu einem immer brisanteren Thema in Deutschland und immer mehr Menschen müssen von der Bundesrepublik in Erstaufnahmestellen untergebracht werden. Deutschland wird mit der Not der Welt konfrontiert, nicht nur über die Medien, sondern direkt in der Nachbarschaft, vor unserer Haustür.
Ich war am vergangenen Wochenende eingeladen in einer Baptistengemeinde zu predigen und ich war nach dem Gottesdienst erstaunt als ich hörte, wie viel die Gemeinde sich mit dem Flüchtlingsthema beschäftigt. Aber nicht nur theoretisch, sie sind die einzigste Kirche die sich aktiv beteiligen. Helfen, begleiten und diesen Menschen ein zuhause geben. Und dies waren nicht nur Worte. Ich konnte es an ihrem Zusammenleben spüren und erleben. Die Gemeinde in der ich mich befand, war eine integrative Gemeinde. Eine Gemeinschaft in der die Menschen erst mal dazugehören dürfen und mit der Weile Veränderung erfahren in ihrem Verhalten und in ihren Herausforderungen im Alltag. Einige von ihnen kommen zum lebendigen Glauben an Jesus. Alle sind gemeinsam auf einer Reise. Entscheidend für sie ist die gemeinsame Richtung, die Richtung die sich auf das Ziel zubewegt - Jesus.
Der Pastor der Gemeinde sagte: "Wir müssen aufhören darauf zu warten dass die Menschen zu uns kommen. Denn dies ist unsere Aufgabe. Wir müssen gehen und solche Gemeinschaften schaffen wo die Menschen erst mal ankommen dürfen."
Die Arbeit unter Flüchtlingen ist sicher einer der Bereiche der die Gemeinde in Bewegung versetzt hat. Menschen die alles verloren haben brauchen ein zuhause. Ihr eigenes Zuhause. Zu ihnen zu gehen, mit ihnen zu leben und mit ihnen eine neue Heimat aufzubauen ist Aufgabe der Gemeinde. Wir sollten zu ihnen gehen.
Viele Gemeinden in dieser Region sind mit sich selbst beschäftigt, schrumpfen, werden geschlossen oder fusionieren. Und man hat den Eindruck, dass Gemeinden die "über sich hinaus" wachsen wirklich zu einer Bewegung werden. Vielleicht zwingt uns das Thema der Flüchtlinge dazu, dass wir über uns hinaus wachsen, in Bewegung kommen und unsere ursprüngliche DNA, die in der Mission Gottes begründet liegt, wiederentdecken und vielleicht werden wir dabei sogar von uns selbst gerettet, weil wir hier hautnah erleben, dass Gemeinde in Bewegung kommen muss, wenn sie diesen Menschen begegnen will und ihre Aufgabe als Licht in der Welt wahrnehmen möchte. Wir müssen in Bewegung kommen wenn wir entdecken wollen was es bedeutet Gottes Volk in einer Welt zu sein in der die Not der Welt vor unserer Haustür wartet, aber niemand sich für die Kirche interessiert. Wir müssen von uns selbst gerettet werden, damit wir über uns hinaus wachsen!

Sonntag, 17. Mai 2015

Evangelisation und seine neue Herausforderung: Sie haben vergessen,dass sie Gott vergessen haben

Wenn wir uns im 21. Jahrhundert über das Thema Evangelisation Gedanken machen, stehen wir vor großen Herausforderungen. Eine der Herausforderungen ist sicherlich die Feststellung der "erfolgreichen" Evangelisationsveranstaltungen im zweiten drittel des 20. Jahrhunderts und der zunehmenden Frage, wie Menschen heute zum Glauben kommen (bzw. wie wir sie erreichen), wenn attraktionale Veranstaltungen nicht die Antwort sind auf die missionarischen Herausforderungen unserer Zeit.
Ich glaube, dass die Auseinandersetzung uns tiefer führt als bloße methodische Überlegungen wie wir durch konzeptionelle Programme die Menschen erreichen. Ich glaube die Beschäftigung mit diesem Thema führt uns in tiefere Bereiche der christlichen Spiritualität und kirchlicher Praxis.
Im Laufe meiner Studien bzgl. meiner Dissertation (Mth) bin ich über ein Buch gestolpert, wo es um das kulturelle Gedächtnis von frühen Hochkulturen geht. Jan Assmann verweist in seinen Vorüberlegungen auf den französischen Soziologen Maurice Halbwachs:
"Gedächtnis wächst dem Menschen erst im Prozeß seiner Sozialisation zu. Es ist zwar immer nur der Einzelne, der Gedächtnis "hat", aber dieses Gedächtnis ist kollektiv geprägt. Daher ist die Rede vom "kollektiven Gedächtnis" nicht metaphorisch zu verstehen. Zwar "haben" Kollektive kein Gedächtnis, aber sie bestimmen das Gedächtnis ihrer Glieder. Erinnerungen auch persönlicher Art entstehen nur durch Kommunikation und Interaktion im Rahmen sozialer Gruppen. Wir erinnern nicht nur, was wir von anderen erfahren, sondern auch, was andere uns erzählen und was uns von anderen als bedeutsam  bestätigt und zurückgespiegelt wird. Vor allem erleben wir bereits im Hinblick auf andere, im Kontext sozial vorgegebener Rahmen der Bedeutsamkeit. Denn "`es gibt keine Erinnerung ohne Wahrnehmung`" (1985 a, 365) (...) Wenn ein Mensch - und eine Gesellschaft - nur das zu erinnern imstande ist, was als Vergangenheit innerhalb der Bezugsrahmen einer jeweiligen Gegenwart rekonstruierbar ist, dann wird genau das vergessen, was in einer solchen Gegenwart keinen Bezugsrahmen mehr hat." (Assmann 2007:36)
Wir reden heute von einer pluralistischen Gesellschaft, unterschiedlichen sozialen Gruppen die, nach Hempelmann, in weitgehend voneinander separierten Lebenswelten existieren (Hempelmann 2012:40) und dass die Kirche nicht mehr das Monopol dieser Gesellschaft ist. Für viele Menschen bedeutet das, dass der christliche Glaube und die Kirche durch soziologische und historische Entwicklung nicht mehr zu ihren Lebensentwürfen gehört, geschweige denn ein Teil der Liste für mögliche Optionen für ihr Leben ist. Dabei gehe ich nicht von einer bewussten Ablehnung aus, sondern viel mehr von der neuen Gegebenheit, dass die Menschen vergessen haben, dass sie Gott vergessen haben, was die missionarische Herausforderung auf ein nächstes Level schiebt.
In kann mich noch gut an meine Teenagerzeit erinnern, bevor ich überhaupt irgendwie in Kontakt mit dem christlichen Glauben kam. Gott, Kirche, Gebet war zu keiner Zeit ein Thema in meinem Leben. Darunter konnte ich mir nichts vorstellen, bzw. habe ich mir auch nichts vorgestellt, weil ich schlicht und ergreifend keinen sozialen Bezugsrahmen hatte. An was hätte ich mich denn erinnern sollen?
"Das Gedächtnis lebt und erhält sich in der Kommunikation; bricht diese ab, bzw. verschwinden oder ändern sich die Bezugsrahmen der kommunizierten Wirklichkeit, ist Vergessen die Folge." (Assmann 2007:37)
Meine Geschichte liegt ca. 16 Jahre zurück. Wie steht es um die Generationen und unterschiedlichen Kulturen heute, wo die Kirche mehr und mehr eine eigenen Subkultur bildet und der christliche Glaube für die meisten Menschen unseres Landes nicht mal Ansatzweise im Gedächtnis ist?
Die Aufgabe der Kirche ist es, den christlichen Glauben und die ganze Schönheit des Evangeliums in das Leben der Menschen zu bringen. Es geht darum Bezugsrahmen zu schaffen, in denen die christliche Story neu erzählt und für die Kultur in der wir leben kommuniziert werden muss. Anstatt unsere Position am Rand der Gesellschaft zu akzeptieren und einen religiösen Individualismus (Lohfink 2015:14) zu pflegen besteht die Herausforderung nach Michael Frost darin:
"(...) to learn ways to bodily embrace this task, to physically wade into the brokenness of humankind and alert people to the universal reign of God through Christ." (Frost 2014:88) 
Lasst uns mutig sein Neues zu wagen, soziale Räume und alternative Gemeinschaften zu schaffen in denen Kommunikation und Interaktion stattfinden. Erfahrungen, Reflexionen und das Erleben des Evangeliums - gehört in den öffentlichen Raum. Lasst uns mit gestalten und uns nicht verstecken, sondern mutig daran glauben, dass Gott mit seiner Mission unserem Land wieder Leben einhauchen möchte durch Christus der uns gelehrt hat, was es bedeutet wahrer Mensch in einer zerbrochenen Welt zu sein.
Ich träume von einer Kirche die den christlichen Glauben verkörpert (inkarniert) nicht in einem Gebäude, sondern unter und mit den Menschen, anstatt ihn zu privatisieren (exkarnieren). Denken wir über die Evangelisierung unseres Landes (und darüber hinaus Europa) nach, müssen wir beginnen den Menschen wieder einen Bezugsrahmen zu schaffen der es ermöglicht die christliche Story zu pflanzen.
Ich bin meinem Jugendreferenten von vor 16 Jahren sowie allen Teilnehmern der damaligen Zeit dankbar, dass ich eine solche alternative Gemeinschaft erleben konnte, wo ich einen Bezugsrahmen hatte in dem ich die Schönheit des Evangeliums erlebte und die ganze Sache mit Bibel, Kirche und Gott dann doch irgendwann Sinn für mein Leben machte.

(...) dem Gott, der allein weise ist, sei Ehre durch Jesus Christus in Ewigkeit! Amen. (Römer 16,27)


"(...) teach the world a new way to be human." (Frost 2014:62)



Quellen: Assman, Jan 2007. Das kulturelle Gedächtnis. Schrift, Erinnerung und politische Identität in frühen Hochkulturen. Mücken: C.H. Beck.

Hempelmann, Heinzpeter 2012. Gott im Milieu. Gießen: Brunnen.

Lohfink, Gerhand 2015. Wie hat Jesus Gemeinde gewollt? Kirche im Kontrast. Stuttgart: kbw.